Der Altaraufbau der Spörener Kirche

Am Montag nach Quasimodogeniti (Sonntag nach Ostern) 1489 musste sich Meister Heinrich, der Maler, vor dem Magistrat der Stadt Leipzig wegen einer Beschwerde der Kirchenväter von Spören verantworten. Diese hatten vor längerer Zeit einen Altaraufbau in Auftrag gegeben, der 40 Gulden kosten sollte. In der Verhandlung versprach Meister Heinrich, den Aufbau bis Bartholomaei (24.8.) zu schnitzen, fassen und malen. Er hat jedoch sein Versprechen nicht gehalten. In einer erneuten Beschwerde verlangten die nunmehr zornigen Kirchenväter von Spören, dass die Tafel nun unfertig einem anderen Meister zur Fertigstellung übergeben werden sollte.

Mit dem Jahr 1489 verschwindet der Meister Heinrich aus den Leipziger Stadtakten. Es besteht jedoch kein Grund dafür, den Spörener Altar nicht durchweg für das Werk des Meisters Heinrich zu halten. Zur Zeit der Beschwerdeverhandlungen vor dem Magistrat von Leipzig scheint die Schnitzarbeit so gut wie erledigt gewesen zu sein. Das wird auch daraus ersichtlich, dass kaum daran gezweifelt wird, die geleistete Arbeit entspreche den gezahlten 40 Talern. Diese Summe läge ausschließlich für Schnitzarbeiten weit über dem damals üblichen Preis. Daher kann angenommen werden, dass auch ein großer Teil der teuren Fassungsarbeit fertig war.

Es ist wahrscheinlich, dass der damals noch fehlende Teil der »Aufbereitung« die Gemälde auf den Außenseiten der Flügel waren. Der Altar wurde vermutlich zunächst ohne diese aufgestellt. Erst im 17. Jahrhundert entstand die jetzige Bemalung der Außenflügel im Stil des Manierismus, wohl von einem nicht sonderlich begabten Maler der Region ausgeführt.

Die Predella (Sockel des Altaraufbaues) zeigt das »Zwölfbotenbild«. Christus sendet die Jünger in die Welt, wie das Markusevangelium berichtet: »Und er rief die Zwölf zu sich und fing an, sie auszusenden je zwei und zwei ...« Vom Meister Heinrich wurden die Jünger gemäß dieser Bibelstelle paarweise aufgestellt und als Halbfiguren gemalt. Leider ist das Bild schon stark beschädigt. Die Schäden konnten auch bei der Restauration des Altars um 1960 in den Kirchlichen Werkstätten Erfurt nicht mehr beseitigt werden.

Der Mittelschrein des Spörener Altars erscheint evangelischen Betrachtern oftmals ärgerlich. (Und nicht zu allen Zeiten hat man den Altaraufbau auf seinem angestammten Platz geduldet!) Maria zwischen Gottvater und Gott Sohn. Es scheint Marienkult in aufdringlicher Weise vorgeführt zu werden. Aber fragen wir: Was wollte man im 15. Jahrhundert mit diesem Bild darstellen? Nicht die Himmelfahrt Mariae. Dafür gab es eine andere ikonographische Form. Auch der Name »Marienkrönung« war im 15. Jahrhundert unbekannt. Wenn wir die Bedeutungsgeschichte zurückverfolgen, treffen wir in der romanischen Kunst auf die Figur der »Ekklesia«. Sie steht immer der Synagoge gegenüber in thematischen Zusammenhängen, die auf die Endzeit hinweisen. Dasselbe, was die Ekklesia-Figur des 13. Jahrhunderts symbolisierte, stellt das 15. Jahrhundert mit seiner jungfräulich-bräutlichen Gestalt dar. Freilich sind zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert der Heiligenkult und die Marienverehrung mancherlei Wege und Abwege gegangen. Nicht aber die gen Himmel fahrende Maria, nicht die Krönung der Himmelskönigin, sondern die herrliche Zukunft der Gemeinde des Herrn stellt die Mittelszene des Spörener Altarschreins dar. Diese Deutung lässt sich völlig sicher der zeitgenössischen Literatur entnehmen.

Sie fügt sich auch ganz dem Bildprogramm des Gesamtwerkes in Spören ein: Von denen, die bereits das Ziel erreicht haben, von »heiligen«, geehrten und verehrten Vorbildern der christlichen Kirche, von denen man nun Hilfe und Fürsprache erhoffen konnte, erzählen

die Flügel des Altarschreins

 
oben links
 
oben rechts
Petrus - Paulus - Heinrich II. (?)
 
Jakobus major - Wenzel - ?
 
 
unten links
 
unten rechts
Barbara - Sebastian - Dorothea
 
? - Michael - Mauritius
 

Verloren ist im Spörener Altaraufbau der Auszug. Er mag dem Bild der himmlischen Stadt einst noch mehr Glanz und Ferne verliehen haben.

Diese Seite bearbeitet Aufzeichnungen von Pfarrer Sacks +, ehemals Landsberg bei Halle.